«Die Ladestationen werden so selbstverständlich wie der Backofen»

E-Mobilität und ihre Infrastruktur

News
von Plug'n Roll 09.09.2021
Teilen

Immer mehr Autobauer setzen auf E-Autos, immer mehr Menschen kaufen eines – der Boom der Elektromobilität hält an. Tao Krauspe, E-Mobility-Experte bei PLUG’N ROLL, schätzt die aktuelle Entwicklung ein und erklärt nicht zuletzt aufgrund der wachsenden Nachfrage nach Ladestationen, wieso Immobilieneigentümer frühzeitig eine Ladeinfrastruktur installieren sollten.

Tao Krauspe Tao Krauspe, Leiter Product Management & Technology E-Mobility bei PLUG’N ROLL. Bild: LHI AG

Tao Krauspe, Elektrofahrzeuge gewinnen hierzulande immer höhere Anteile bei den Neuzulassungen. Wie beurteilen Sie die aktuelle Situation in der Schweiz?

Im europäischen Vergleich machen wir in der Schweiz aus meiner Sicht einen guten Job. Wir zählen zwar nicht zu den unangefochtenen Vorreitern wie die nordischen Staaten oder die Niederlande, spielen aber sowohl bei der Verbreitung der E-Fahrzeuge als auch im Bereich der Ladeinfrastruktur im Spitzenfeld mit. Hinzu kommt, dass die Schweizer Ladeinfrastruktur sowohl beim Technologie-Level als auch bei der Betriebsqualität ein sehr hohes Niveau erreicht. Hier hat sich wirklich viel getan im Vergleich zu den Anfängen der E-Mobilität.

Wo hapert es denn noch?

Vonseiten der Politik braucht es mehr Unterstützung. Die Legislative muss noch stärker begünstigende Rahmenbedingungen schaffen – etwa das Recht auf eine Ladestation, wenn man zur Miete oder in einer Stockwerkeigentümergemeinschaft wohnt. Es kann nicht sein, dass sich jemand wieder für einen Verbrenner entscheidet, der dann 10 Jahre lang CO2 emittiert, einfach weil sie oder er zu Hause keine Ladestation installieren darf oder kann. In dieser Hinsicht sind Nachbarländer wie Deutschland, wo man derzeit die E-Mobilität nach Vorbildern wie Norwegen stark fördert, der Schweiz einiges voraus.

Gibt es weitere Hürden?

Wir haben auf dem Weg zum Massenmarkt sicher noch einige Herausforderungen bei der Ladeinfrastruktur zu lösen. Im Bereich der User Experience beispielsweise sind die Anforderungen der Nutzenden gestiegen, insbesondere im öffentlichen Ladebereich. Früher war man froh, wenn man irgendwo eine funktionierende Ladestation gefunden hat. Heute jedoch erwarten E-Auto-Besitzende einen Ladestopp wie an der klassischen Tankstelle. Hier muss die Branche noch besser werden – dann werden sich die Nutzenden auch an den Unterschied zwischen Tanken und Laden gewöhnen.

Wie sollte eine Immobilienverwaltung oder -eigentümerschaft vorgehen, wenn sie ihre Tiefgarage mit Ladestationen für Elektroautos ausrüsten lassen möchte?

Das Planen, Erstellen und Betreiben von Ladelösungen kann insbesondere in Mehrparteien-Situationen schnell komplex werden. Wir beobachten viele schlecht umgesetzte Ladelösungen, die vordergründig günstig sind, langfristig den Besitzer dann aber teuer zu stehen kommen oder das Bedürfnis der Nutzenden nicht treffen. Ich empfehle deshalb, dass man sich einen auf E-Mobility spezialisierten Dienstleister ins Haus holt. Wir bieten dafür z. B. das Garagengutachten an nach SIA 2060 an. Zudem erstellen unsere Experten ein sauberes Konzept und eine nachvollziehbare Offerte, indem sie sie die technischen Gegebenheiten im Gebäude vor Ort analysieren.

Ladestation PLUG'N ROLL Es empfiehlt sich, einen erfahrenen Dienstleister für die Planung und Realisierung einer Ladelösung beizuziehen. Bild: Repower 

Kann das Aufladen von E-Autos den Stromanschluss überlasten?

Auch wenn wir in der Schweiz im Vergleich zu anderen Ländern ein stabiles und gut ausgebautes Stromnetz haben, ist die Anschlussleistung pro Gebäude begrenzt. Kommen zusätzliche Grossverbraucher wie E-Autos dazu, kann es passieren, dass der Anschluss überlastet wird und die Sicherung rausfliegt. Die kritische Tageszeit ist oft der frühe Abend, wenn die Bewohner*innen eines Gebäudes nach Hause kommen, ihr E-Auto einstecken, Herd und Licht anschalten und gleichzeitig die neuste Netflix-Serie auf dem Fernseher laufen lassen.

Wie lässt sich dieses Problem lösen?

Grundsätzlich kann man die Anschlussleistung eines Gebäudes durch einen Ausbau erhöhen, was aber recht kostspielig ist. Meist lohnt es sich stattdessen, ein Lastmanagement-System einzurichten. Es koordiniert die Ladestation(en) mit den Verbrauchern im Gebäude und sorgt dafür, dass die verfügbare Leistung optimal zum Aufladen verwendet wird. Dazu verteilt das System den Strom gezielt auf die zum Aufladen angeschlossenen E-Fahrzeuge. Zudem verschiebt es die Ladevorgänge wenn nötig auf jene Tageszeiten, an denen die meisten Verbraucher im Gebäude ausgeschaltet sind – also beispielsweise auf die Nacht. So spart ein Lastmanagement-System Kosten, ohne den Komfort (z. B. Ladezeit) für die Nutzenden einzuschränken.

Seit Sommer 2020 steht das SIA-Merkblatt 2060 zur Verfügung. Wie hilft es bei der Planung der Ladeinfrastruktur?

Die vier Ausbaustufen der SIA 2060 geben den Akteuren im Markt Struktur und sind eine gute Richtlinie für modulare und skalierbare Ladeinfrastrukturlösungen. Wir arbeiten ebenfalls strikt nach dem Merkblatt. Es ist wichtig, dass sich Installateure, Architekten und Immobilienbesitzer bei der Planung eines Gebäudes frühzeitig Gedanken zum Thema Elektromobilität machen. Nach wie vor werden Immobilien und Parkplätze in der Schweiz gebaut, ohne eine Lademöglichkeit vorzusehen. Muss die Ladeinfrastruktur dann nachträglich eingebaut werden, führt dies zu massiven Mehrkosten. Wer dagegen eine Überbauung von Anfang an oder bei einer Sanierung aktiv auf die E-Mobilität ausrichtet, spart viel Geld.

Ausbaustufen Ladestationen Die vier Ausbaustufen des Merkblatts SIA 2060. Grafik Faktor Verlag, Themenheft Elektromobilität; Quelle: SIA

Was gilt es bei der Wahl der Ladestation zu beachten?

Die Wahl der optimalen Ladestation sollte sich an der geplanten Anwendung ausrichten. Wichtig ist auch eine effiziente und skalierbare Installation. Dafür gibt es inzwischen sehr gute technische Lösungen. Bei PLUG’N ROLL orientieren wir uns stets am Nutzenden und führen ein bewährtes Portfolio an technisch und preislich erstklassigen Ladestationen für den öffentlichen, geschäftlichen oder privaten Bereich (siehe Kasten unten).

Ist die Elektromobilität denn tatsächlich die Mobilitätsform der Zukunft?

Aus meiner Sicht ganz klar ja – die Elektromobilität lässt sich nicht mehr aufhalten. Die Vorteile wie das Fahrvergnügen, die CO2-Bilanz und zunehmend auch die Wirtschaftlichkeit sind schlicht zu überzeugend, um sie zu ignorieren. Dazu erreichen uns fast täglich Meldungen von den grossen Automobilfirmen, die den Wechsel von der klassischen Verbrennertechnik hin zum Elektroantrieb ankündigen. Zudem melden Städte und ganze Länder Verbote von Verbrennerfahrzeugen. Ein weiterer Beleg für den Erfolg der Elektromobilität sind die aktuellen Szenarien sowie die exponentiell steigenden Zulassungszahlen.

Wie schätzen Sie die weitere Entwicklung ein?

Wir rechnen damit, dass bereits 2035 rund zwei Drittel der insgesamt 4,7 Millionen Personenwagen hierzulande einen Stecker haben werden. Die Ladestation am Parkplatz wird dann so selbstverständlich werden wie die Dusche, der Backofen oder der Internetanschluss im Gebäude. In Mietsituationen und auch beim Immobilienkauf wird eine zeitgemässe Ladeinfrastruktur zu einem entscheidenden Faktor. Bereits heute haben die ersten Suchmasken der Immobilienportale die Ladestation als Kriterium integriert. Ich bin selbst vor Kurzem umgezogen – und ohne Zugeständnis des Vermieters, eine Ladestation zu installieren, hätten wir uns nicht gefunden.

Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.